Coronawirtschaft

Ja, die Wirtschaft!

Die bleibt jetzt wohl auf der Strecke. Das böse Virus killt nicht nur Menschen, sondern – oder je mehr Zeit vergeht umso mehr – die Wirtschaft.

14,4% der Arbeitenden tun dies im Handel. Und der hat jetzt genug zu jammern. Abgesehen von den Dingen die wir wirklich brauchen, Essen und Klopapier, musste zugesperrt werden. Und jetzt wo wieder aufgesperrt wird, mangelt es den Kurzarbeitern und Arbeitslosen an Kauflaune.

Gewonnen hingegen haben die neubekannten Gegner: Amazon der Feind des edlen Händlers konnte sogar vom bösen Virus profitieren.

Schon früh begannen die besonders Schlauen anstatt mit Handwerk oder Produktion ihr Geschäft mit dem Verteilen von Waren zu machen.

Früher war das auch ein ziemlicher Aufwand. Das ausfindig Machen begehrter Waren, das Aushandeln eines Preises (oder Niedermetzeln der Wareninhaber), die Finanzierung der Ware, der Transport von oft ganz weit weg, alle Gefahren und Risiken, dass einem die Ware doch noch abhanden kommt, bevor man seinen Verdienst damit macht, es war ein schwieriger Beruf.

Diese frühen Kaufleute mit der sehr passenden Berufsbezeichnung kauften und verkauften und erfüllten damit Bedürfnisse ihrer Kunden.

Über die Zeit hat sich der Beruf doch sehr verändert. Von Marktständen übersiedelte man in Geschäftslokale. Statt selbst herumzufahren lässt man transportieren, es gibt Großhändler die für Händler einkaufen und Einzelhändler die an einzelne Kunden verkaufen.

Aber eine besonders schlaue Gruppe von Menschen sind sie geblieben, die Händler, die Kleinen und die Großen. An ihrem Verhandlungsgeschick bemisst sich ihr Erfolg. Was aus dem Produzenten rausgepresst werden kann und an den Kunden nicht weitergegeben werden muss, kann in die eigene Tasche wandern. Davon lebt es sich, so man über das passende Geschick verfügt, oft gar nicht schlecht.

Doch seit ein paar Jahren tun sich neue Feinde auf, allen voran Amazon, der sein Geschäft hochprofitabel betreibt und so den Händlern hierzulande die Taschenfüllung streitig macht.

Amazon braucht keine Geschäftslokale, kein Verkaufspersonal, man kann die Ware nicht einmal sehen oder berühren bevor man sie kauft und zumeist ist sie nicht einmal billiger.

Da ist kollektives Jammern und Fluchen angesagt. Amazon Kunden sollen ein schlechtes Gewissen bekommen. Ja verflucht, warum kaufen die denn dort, das sollen sie mal lieber bleiben lassen.

Da werden Arbeitsbedingungen bemüht (Amazonangestellte werden ausgebeutet), Heimatgefühle (kommt alles von ganz weit weg, ganz und gar unheimisch) und sogar das Finanzamt muss herhalten (die zahlen gar keine Steuer) um den Einkauf madig zu machen. (bedanken sie sich da mal lieber bei den Regierungen, die es nicht wagen, Steuern zu verlangen)

Offenbar fragt sich kein Händler, WARUM kaufen die lieber bei Amazon, als bei mir.

Und da sind wir bei der Händlerseele angelangt. Bei der Seele des kleinen, richtigen Einzelhändlers, die der Seele des Hotliers nahe verwandt ist.

Kleine Händler und Hoteliers behandeln ihre Angestellten wie die Großen, oder eher schlechter. Aus jedem Einzelnen wird gepresst was herausgeht und möglichst noch legal ist (oder zumindest den Anschein macht). Die verkauften Waren kommen egal von wo – Hauptsache billig (ohne sich das anmerken zu lassen) und Steuer zahlt man, wenn irgend möglich, auch keine, zur Not heisst es da: kreativ sein.

Aber während man in vergangener Zeit noch froh war, dass einem da jemand die Waren herbeigeschafft hat, die man so brauchen wollte, ist die Frohheit verschwunden – förmlich einem Überangebot gewichen. An jeder Ecke lockt ein Händler, der seine Waren an Mann und Frau bringen will. Noch in der hinterletzten Bergwelt versucht ein Trachtenpärchen mit Wadlwärmern in China gefertigte Souvenirs zu verramschen.

Was diese lieben und schlauen Händler vergessen haben: sie sollten ihre Kunden lieb haben.

Aber das genau Gegenteil ist der Fall. Der Kunde ist das gehasste Übel, das man in Kauf nehmen muss um seinen Reibach zu machen. (und das ist wieder so eine Gemeinsamkeit mit den Hoteliers)

Der blöde Kunde mit seinen Ansprüchen und Reklamationen und Nachfragen und Garantiefällen, mit seinen Entscheidungsschwierigkeiten und ewigen Verzögerungen, mit diesem enormen Informationsbedürfnis, der geht so einem kleinen Händler gehörig auf die Nerven.

Der behauptet von sich, eh schon alles zu tun, viel mehr sogar als alles, aber wie schaut das wirklich aus?

Ich gehe zum Bäcker mit dem verwegenen Wunsch, ein veganes Gebäckstück zu erwerben. Hektisches Treiben, unterbezahlte Fachverkäuferinnen müssen backen, damit alles frisch ist. Weil sich für den Job (5 Uhr Arbeitsbeginn, unerträgliche Hitze, äußerst dürftiger Lohn) nur Menschen finden, die sonst gar nichts finden, kann meine Fachverkäuferin nur schlecht Deutsch. Weil sie siebenfach belastet ist (Backen, Verkaufen, Putzen, Kaffee servieren, Ware nachschlichten, zuwenig Kollegen) kann ich es ihr kaum verdenken, dass sie ungehalten auf meine Frage antwortet: Was gibt es denn Veganes? Das fragende Gesicht veranlasst mich zum erklären: Ohne Ei, ohne Milch, ohne tierische Produkte.

Nach kurzem Überlegen: Vegan ist hier gar nichts (ich weiss, dass mehr als die Hälfte der Produkte vegan sind)

Das Schuhgeschäft ums Eck: Haben die den Schuh auch in 42? Moment ich schaue nach. Nein leider. (seit 30 Jahren haben die keinen Schuh in 42 und wollen mir auch keinen bestellen oder sonst was anbieten)

Im Baumarkt finde ich erst gar niemanden, den ich fragen könnte.

Der Fachverkäufer im Elektrogeschäft weiss gar nicht, dass es auch weisse Ceranfelder gibt.

Ganz abgesehen davon, gibt es sowieso keinen lokalen, heimischen, lieben, kleinen Händler mehr. In den ewig gleichen Einkaufsstraßen Europas finden sich ohnehin nur mehr Ketten, die grade so übel sind wie Amazon.

Ich liebe Amazon, ich kaufe gerne bei Amazon, ich schäme mich nicht dafür. Amazon ist Kundenservice. Amazon weiss was ich will, informiert mich über alles was ich wissen will (und tut es Amazon nicht selbst, so tun es die Millionen Rezensenten), Amazon hat fast alles was ich brauche und liefert es mir bis zur Wohnungstür. Wenn einmal etwas nicht passt, zahlt man mir den Rückversand, wenn etwas kaputt geht (auch nach langer Zeit) wird es ohne Nachfragen kostenlos umgetauscht oder es gibt das Geld zurück.

SO GEHT DAS liebe kleine Händler, euer Kundenservice ist einfach Mist, deswegen kaufen die Leute nicht mehr bei euch. Mir ist um keinen leid, der zusperren muss.

PS
Es gibt ganz tolle, engagierte, kleine Händler, die alles über ihre Produkte wissen, die sich engagieren und denen man stundenlang zuhören könnte, Geschäfte in die man gerne geht. Aber – es sind sehr sehr wenige.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.